Ärztemangel: "Torgau ist nur die Spitze des Eisbergs"
Torgauer Zeitung vom 6. Januar 2010
vom stellv. Chefredakteur Frank Lehmann
Torgau (TZ). Die Befürchtungen sind eingetreten. Mit der Schließung der Praxis von Allgemeinmediziner Dr. Klaus Landschreiber befinden sich gegenwärtig Hunderte Patienten auf der Suche nach einem neuen Hausarzt. Doch da ernten sie meist nur ein Kopfschütteln, wenn sie an die Türen einer der noch vorhandenen Hausarztpraxen klopfen. Deren Kapazität ist ganz einfach erschöpft. Doch es kommt noch schlimmer. Weitere Allgemeinmediziner haben das Ende ihrer Praxistätigkeit angekündigt (TZ berichtete). Die für Triestewitz angekündigte KV-Praxis wartet noch immer auf eine Besetzung. Wie positionieren sich die Parteien im sächsischen Landtag dazu? Nachdem die TZ bereits erste Stellungnahmen veröffentlichte, sind nun auch von Bündnis 90/Die Grünen und den Freien Demokraten entsprechende Antworten eingegangen.
Steffen Pawlik (Sächsischer Landtag – FDP): Die Unterversorgung in vielen Gebieten Sachsens ist ein ernstes Prob-lem. Torgau ist daher bei Weitem kein Einzelfall. Es ist dringend geboten, mehr Mediziner für Sachsen zu gewinnen. So wurde neben einem Stipendienprogramm für Medizinstudenten auch eine Kommunikationsbörse eingerichtet. Darüber hinaus wird sich die FDP dafür einsetzen, dass die Programme für Praxisneugründungen fortgeführt und verbessert werden. Wir hoffen so, nicht nur in Torgau, die flächendeckende medizinische Versorgung in Sachsen zukünftig zu erhalten.
Annekathrin Giegengack (MdL – Bündnis 90/Grüne): Torgau ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Liste der Planungsbereiche in Sachsen, in denen eine Unterversorgung bei den Hausärzten droht, wächst immer weiter. Ebenfalls kritisch ist die Situation mittlerweile in den Planungsbereichen Döbeln, Riesa-Großenhain und besonders im Erzgebirge. Bei dem Ärztemangel besonders im ländlichen Raum Ostdeutschlands handelt es sich um ein grundsätzliches Problem. Solange die Politik am Zwei-Klassen-Gesundheitssystem von privat und gesetzlich Versicherten festhält, anstatt die Kosten der Gesundheitsversorgung gerecht auf alle Schultern (Bürgerversicherung) zu verteilen, wird dieses Problem nicht wirklich gelöst werden können. Denn es ist für einen Arzt immer noch wirtschaftlicher, für eine Praxisübernahme in einer Kleinstadt im Westen Deutschlands 150 000 Euro zu bezahlen als das Angebot anzunehmen, für die Übernahme einer Praxis in einer Kleinstadt im Osten 60 000 Euro zu bekommen. Die Patienten im ländlichen Raum im Osten sind im Schnitt älter, das heißt der Behandlungsaufwand größer, und vor allem – fast alle gesetzlich versichert. Die Budgetierung der Ärzte tut ihr Übriges, wenn die Leistungen für Patienten, die am Ende der Quartals die Praxis aufsuchen, kaum oder gar nicht mehr honoriert werden.
Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS), die die bedarfsgerechte Behandlung und Versorgung der Bürger im Freistaat sicherstellen muss, laviert sich seit Jahren um Versorgungsgrade und Bedarfsplanungen und verwaltet letztlich nur den Mangel. Das Sozialministerium legt Werbeprogramme für Ärzte auf, die nicht wirken, weil sie das Grundproblem nicht beseitigen. Und mit zweifelhaften Projekten wie AGNES wird versucht, ärztliche Aufgaben auf nichtärztliches Personal zu übertragen. Die Bürger vor Ort sind ratlos und erbost. Doch die KVSs, die Kommunen, selbst das Land Sachsen können nur kleine Knöpfchen bedienen, die großen Schalthebel werden in Berlin umgelegt. Ob sich am Ärztemangel im ländlichen Raum Ostdeutschlands in Zukunft grundlegend etwas ändert, wird davon abhängen, inwiefern es gelingt, den Protest laut und energisch nach Berlin zu tragen. Sollten die schwarz-gelben Überlegungen zur Gesundheitsreform tatsächlich umgesetzt werden, wird sich die Situation auch in Sachsen weiter verschärfen.
Unsere Fraktion im Landtag ist sich der dramatischen Situation in vielen ländlichen Gemeinden Sachsens bewusst und hat aktuell Anfragen zur hausärztlichen Versorgung in Zusammenhang mit der Schweinegrippe, der Anpassung der Bedarfsplanungsrichtlinie und zu den Medizinstudienplätzen gestellt. Derzeit arbeiten wir an einer weiteren Initiative zum Problem Ärztemangel.