Schulbus im Selbstversuch
Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 9. Februar 2010
FDP-Kreisrat Lutz Biedermann will Buswartezeiten für Schüler um zehn Minuten verkürzen
Region Oschatz. Im Oktober des vergangenen Jahres hatten die Elternvertreter des Thomas-Mann-Gymnasiums (TMG) zu lange Wartezeiten von Schülern bemängelt. Busschüler müssten vor allem nach dem dritten beziehungsweise nach dem vierten Unterrichtsblock zu lange auf ihre Heimfahrtbusse warten. Teilweise entstehen Wartezeiten von bis zu 50 Minuten. In einer Diskussionsrunde wurde die Problematik den Kreistagsfraktionen und dem kreislichen Ordnungsamt dargestellt. Kreisrat Lutz Biedermann (FDP) war in dieser Runde dabei und wagte danach einen Selbstversuch mit dem Bus. OAZ sprach mit dem Abgeordneten.
Frage: Bei der Diskussionsrunde zur Schülerbeförderung im Oktober konnten Sie ja nicht viel beitragen. Woher kommt ihr Engagement für den Schülertransport?
Lutz Biedermann: Gerade weil dieses Thema für mich Neuland war, habe ich mich dafür interessiert. Als Außenstehender mochte ich in der Diskussionsrunde noch nicht beurteilen, ob die teilweise aus der Schülerbefragung resultierenden langen Wartezeiten durch Fahrplanänderungen seitens der OVH (Omnibusverkehrsgesellschaft Heideland, d. Red.) abgefangen werden können, ohne vorher den Standpunkt der OVH zu hören oder Antworten auf offene Fragen und weitere Hintergrundinformationen zu erhalten.
Was haben Sie unternommen?
Ich habe mir einen Termin beim Chef der OVH Joachim Hoffmann geben und mir dabei die Details erläutern lassen. Das war sehr aufschlussreich, weil deutlich wurde, welche Gesichtspunkte bei dieser Komplexität beachtet werden müssen. Beispielsweise gehören dazu auch Betrachtungen der Wirtschaftlichkeit unter Einbeziehung eines effektiven Einsatzes der vorgehaltenen Omnibusse sowie des sinnvollen Personaleinsatzes nach gesetzlichen Vorschriften für Berufskraftfahrer.
Wie lautet Ihre Erkenntnis aus dem Gespräch?
Ich habe sofort spontan entschieden, den Schülerverkehr morgens und nachmittags selbst persönlich mit zu erleben, wobei mein Hauptaugenmerk den Zeiten vom Schulende bis zur Busabfahrt und den Unterwegszeiten inklusive Zeiten zu Umsteigemöglichkeiten zur Weiterfahrt zum Wohnort, jeweils nach dem dritten Block – Linien 801, 810, 813, 819 – und vierten Block – Linien 764, 801, 806, 813, 819 – gemäß dem Ergebnis der Schülerbefragung am TMG galt.
Sie sind also selbst Bus gefahren. Wann waren Sie das letzte Mal mit einem Linienbus unterwegs?
Daran kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern. Das war bestimmt noch vor der Wende. Es war für mich ganz spannend, die Situation auch aus der Sicht der Schüler zu erleben. Ich habe dabei repräsentative Erhebungen übersichtlich nach Datum, bereisten Verkehrslinien sowie nach dem Schüleranteil am Gesamtfahrgastaufkommen bei Aus-, Um- und Zustieg angestellt und diese dann akribisch ausgewertet.
Mit welchem Ergebnis?
Nach Auswertung der Ergebnisse sehe ich von Seiten der OVH keine weiteren Spielräume, die Busfahrpläne noch näher an die Schulendzeiten des Gymnasiums anzupassen, zumal nach meinen Recherchen sich alle anderen betroffenen Schulen bei ihrer Stundenplangestaltung nach den Busfahrplänen richten.
Und trotzdem glauben Sie, einen Lösungsansatz gefunden zu haben?
Das ist der Stundenplan des Thomas-Mann-Gymnasiums. Um wenigstens die Wartezeit der Schüler um etwa zehn Minuten zu verkürzen, schlage ich eine Änderung des Stundenplanes am Gymnasium vor.
Was schwebt Ihnen da ganz konkret vor?
Ich habe ausgerechnet, wenn es geringfügige Änderungen am Stundenplan geben würde, ließen sich einige Fahrgelegenheiten besser erreichen. Alternativ könnte der vierte Block nach Bedarf in zwei Einzelstunden geteilt werden – und so könnte flexibler auf den Fahrplan reagiert werden.
Sie haben aber noch einen weiteren Vorschlag?
Ja. Ich bitte auch darum, zu prüfen, inwieweit es möglich ist, die Klassenverbände so zusammenzustellen, dass Schüler aus einer Region in einem Klassenverband sind und hier eine gemeinsame Heimfahrtmöglichkeit im Stundenplan Berücksichtigung findet. Diese Klassenverbände könnten dann mit Oschatzer Schülern aufgefüllt werden, die ja den einfachsten Heimweg haben.
Wie war die bisherige Reaktion auf Ihre Erkenntnis?
Ich habe meine Erfahrungen und Ergebnisse niedergeschrieben und an alle Beteiligten verschickt. Landrat Michael Czupalla, Ordnungsdezernentin Angelika Stoye und OVH- Chef Joachim Hoffmann haben mein Vorgehen ausdrücklich gelobt.
Und die Reaktion aus dem Gymnasium?
Bisher gab es leider noch gar keine Reaktion. Interview: Hagen Rösner