Wasserpreise kann man nicht vergleichen
Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 20. Februar 2010
Wasserverband: Hans-Jürgen Gemkow hält Gegenüberstellungen von Kubikmeter-Preisen für ungeeignet
Region Oschatz. Lutz Biedermann, FDP-Stadtrat in Oschatz und Kreisrat in Nordsachsen, hat in der OAZ die Preispolitik des Wasserverbandes Döbeln-Oschatz kritisiert. Biedermann hatte die Versorger im alten Regierungsbezirk Leipzig verglichen und dem Döbeln-Oschatzer Verband Höchstpreise attestiert (die OAZ berichtete). Hans-Jürgen Gemkow bestätigt die Zahlen, bezweifelt den Biedermann’schen Vergleich aber grundsätzlich. Warum, das erklärt der Geschäftsführer des Wasserverbandes Döbeln-Oschatz im Interview.
Frage: Sie sagen, die Aufstellung von Lutz Biedermann sei ein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich. Ist die Rechnung falsch?
Hans-Jürgen Gemkow: Jein. Die errechneten Preise sind absolut richtig. Und natürlich ist für den Bürger am Ende wichtig, was er bezahlen muss, das ist doch klar. Aber falsch ist, überhaupt so einen laxen Vergleich zu erstellen.
Warum?
Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass wir uns bloß rechtfertigen oder reinwaschen wollen. Aber Trinkwasserpreise lassen sich per se nicht vergleichen. Sie kommen völlig unterschiedlich zustande. In manchen Regionen sind Höhenlagen zu überwinden, in anderen weniger. Es gibt unterschiedliche Ansprüche an die Aufbereitung, Unterschiede bei der Siedlungsdichte, bei den erforderlichen Investitionen. In einigen Regionen leisten die Wasserversorger Ausgleichszahlungen an die Landwirte. In anderen Regionen gibt es viele industrielle Großabnehmer.
Geht das konkreter?
Die Kommunalen Wasserwerke in Leipzig versorgen 600 000 Bürger. Sie können die fixen Kosten, die bei Wasserversorgern sehr hoch sind, auf viele Schultern verteilen. Zugleich haben sie ein im Verhältnis zur Einwohnerzahl kleineres Leitungsnetz, weil die Besiedlung viel dichter ist. Das reduziert ebenfalls Kosten. Wir müssen im Verhältnis längere Netze für 120 000 Einwohner betreiben und jedes Grundstück anschließen, egal wo und wie weit es vom nächsten entfernt liegt. In Leipzig sind diese Entfernungen deutlich kürzer, und es gibt keine bedeutenden Höhenlagen, die zu überwinden sind. Das Wasser etwa für Leisnig müssen wir aus Höhe der Mulde bei Paudritzsch bis in Höhe der Burg hochpumpen. Hartha muss vom niedriger gelegenen Töpelwinkel versorgt werden. Leipzig hat viel mehr Großabnehmer.
Haben Sie mehr Beispiele?
Der Zweckverband Beilrode-Arzberg wurde massiv mit Fördermitteln entschuldet, also mit öffentlichen Mitteln subventioniert. Der Zweckverband Torgau-Westelbien hat zwei Wasserwerke. Wir haben 26; es waren mal 52. Das liegt daran, dass Torgau über Fernwasserleitungen versorgt wird.
Ginge das hier nicht auch?
1992/1993 wurde überprüft, ob eine Fremdversorgung für uns vorteilhaft ist. Das Ergebnis war negativ. Die Wasserwerke hätten zurückgebaut werden, die neue Fernwasserversorgung von uns bezahlt werden müssen. Das wäre teurer geworden. Auch beim Bau unseres neuesten Wasserwerkes in Großböhla wurde eine alternative Fernwasserversorgung überprüft. Das rechnet sich nicht. Die Strukturen, die wir hier übernommen haben, müssen wir ein Stück weit akzeptieren. Außerdem hat dadurch der Bürger die Produktionsstätte seines Lebensmittels Nr. 1 quasi vor der Haustür.
Wie sieht es mit Ausgleichszahlungen an Landwirte aus?
Die haben wir auch zu leisten. Was ich deutlich machen will: Es gibt eine ganze Menge Einflüsse, die der Bürger nicht sieht. Das muss man aber wissen, wenn man sich die reinen Kubikmeterpreise anguckt. Und selbst bei so einer Betrachtung kommt es darauf an, mit wem ich vergleiche. Ich kann einen statistischen Vergleich mit Verbänden anstellen, bei dem ich gut dastehe oder bei dem ich nicht so gut aussehe.
Herr Biedermann fordert seit Jahren ein Preissystem, das sich am Verbrauch orientiert. Sie wollen das nicht. Warum?
Es ist zunächst egal, welches Preissystem Sie haben. Man wird nie alle zufriedenstellen. Aus unserer und auch aus Sicht von Experten ist aber bei der Preisgestaltung wichtig, dass man feststehende Kosten, die nichts mit dem Verbrauch zu tun haben, auch über relativ feste Einnahmen finanziert. Klar ist: Würden wir das Biedermann’sche System einführen, würden diejenigen, die objektiv mehr Wasser verbrauchen müssen, bedeutend mehr belastet: Handwerker, Familien mit Kindern oder Gaststätten zum Beispiel. Das hat der Verband Herrn Biedermann schon 2006 ausführlich dargelegt. Ich bin da nicht politisch, aber ich frage mich, wie die FDP das zum Beispiel den Handwerksbetrieben erklären würde, für die sie sich ja einsetzen will. Grundsätzlich: Die Trinkwasserkosten für eine durchschnittliche Wohnung erhöhten sich in unserem Verband trotz enormer Investitionen in 19 Jahren nur um 75 Euro. Das ist weniger als der Inflationsanstieg.
Es wird immer mal wieder über eine völlige Liberalisierung der Wasserwirtschaft diskutiert. Gut oder schlecht?
Sehen Sie doch mal, was bei der Energieversorgung passiert ist. Da haben Sie jetzt wenige große Anbieter, die im Wesentlichen den Markt bestimmen. Die Unterschiede: Der Wasserkunde hat einen Rechtsanspruch auf Versorgung – anders als bei Strom oder Gas. Wir dürfen kein Wasser in Regionen außerhalb unseres Verbandsgebietes verkaufen. Die Frage wäre sowieso, ob das sinnvoll ist. Sie können natürlich Trinkwasser von Rostock nach Döbeln transportieren, das funktioniert aber nicht so einfach wie beim Strom. Da geht es um Fragen der Hygiene und der Sicherheit. Wenn ich eine bestimmte Region für die Trinkwassergewinnung regelrecht ausbeute, hat das auch ökologische Auswirkungen. Eine wohnortnahe Versorgung ist gesetzlich vorgeschrieben und sinnvoll. Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Es ist keine Handelsware, und das darf es auch niemals werden. Interview: Björn Meine